LIVE #15: Zeit für ein Resumé

Christinas Jahr als Au Pair ist bald zu Ende. In ihrem eigenen Blog hat sie diesen Beitrag bereits veröffentlicht und viele Leute damit erreicht. Ich glaube, dass das an ihrer sehr ehrlichen Art und Weise, wie sie ihr Jahr als Au Pair betrachtet, liegt!

„Ein Auslandsjahr ist wie eine Fahrt mit der Achterbahn. Zuerst will man unbedingt damit fahren und ist sehr fasziniert von der Vorstellung, dann geht es schnell. Man muss einsteigen und dann kommen die ersten mulmigen Gefühle. Dann gibt es Hochs und Tiefs. Aber es wechselt dann sehr schnell. Am Ende ist man ein bisschen traurig, dass es schon vorbei ist, ein bisschen stolz, dass man es überlebt hat, erfreut wieder festen Boden unter den Füßen zu haben aber eigentlich würde man gerne sitzen bleiben und noch einmal fahren.“
Zwar stammen diese Sätze und Wörter nicht von mir, aber ich kann aus Erfahrung sagen, dass der, der diese Zeilen verfasst hat, Recht hat.
„Ich möchte unbedingt in die vereinigten Staaten reisen.“
„Ich möchte unbedingt Au Pair werden und ein Jahr auf Kids aufpassen.“
„Du bleibst für ein Jahr?“ – „Ja natürlich, was ist schon ein Jahr!“
Und diese Sätze stammen von mir. Wer sich mit mir vor einem Jahr unterhalten hat wird mindestens einen dieser Sätze von mir gehört haben. Ja, ich wollte unbedingt in die Staaten reisen – mittlerweile weiß ich schon nicht mehr warum. Es ist schön hier, man kann vieles sehen und erleben, man kann viel reisen und man findet leicht Freunde weil die Menschen in Amerika unglaublich offen und gesprächig sind. Sie interessieren sich für einen weil du anders bist. Gut anders. Sie fragen dich viel über die Heimat aus, loben dich für dein gutes Englisch und fragen dich immer wie man es in den Staaten findet. Vielleicht wollen sie hören wie toll es hier ist, weil es für Sie nichts schöneres als Amerika gibt oder aber Sie spielen nur wieder ihre „Ich bin so überfreundlich“ Platte ab.
Und ja ich wollte tatsächlich viel Zeit mit Kindern verbringen. Ich wollte mit ihnen spielen, auf sie aufpassen und sie lehren. Ich muss sagen, dass das auch ziemlich gut geklappt hat. Auch wenn Sie mich oft aus der Bahn geworfen haben und mich Fuchsteufelswild gemacht haben – ich liebe meine Gastkinder. Ich habe in meinem Auslandsjahr mehr Zeit mit meinen Kids verbracht als mit allen anderen. Ich habe mit Ihnen gelacht und geweint, einige Kilogram Snacks, Süßigkeiten und Ice Cream verdrückt, etliche Runden Fußball gespielt und mit Ihnen auf dem Klettergerüst rumhantiert. Aber ich habe Ihnen auch ihren Hintern abgewischt, nach „Unfällen“ die Klamotten gewechselt, etliche Pflaster verklebt, sie gewaschen und in den Schlaf gesungen. Ich habe gesehen wie Sie gewachsen sind und älter geworden sind, wie Sie langsam aber sicher gut erzogen werden, sich benehmen können und wie selbstständig Sie sind. Zusammen haben wir Erfolge gefeiert und zusammen waren wir stolz. Ab jetzt heißt es nämlich, nicht weil ich bald nach hause fliege, sondern weil Sie es können; selber sauber machen, selber die Schuhe anziehen, sich selber eine Schüssel Müsli mit Milch zubereiten und sich selber im Auto an- und abzuschnallen. „Danke“ und „Bitte“ sind keine Fremdwörter mehr und gerne grüßen die Jungs Menschen auf der Straße von sich aus, ohne dass ich Sie darum bitten muss. Man kann schon merken dass ich diese Zeilen mit stolz schreibe – denn das bin ich. Ich konnte den Jungs viel beibringen und sie haben viel von mir gelernt. Es war nicht einfach, aber es war machbar.

„Was ist denn schon ein Jahr“

Ein Jahr hat 12 Monate, 365 Tage, 8760 Stunden usw.  Jedes Jahr, wenn ein Jahr zu Ende geht denkt man sich: „Wo ist das letzte Jahr hin? Es war doch gerade erst Silvester.“  Genau das habe ich mir vor meiner Reise in den Kopf gesetzt. Nur ein Jahr. Jetzt sitze ich hier und muss anfangen mein Leben in den Staaten, was ich doch eigentlich gerade erst begonnen habe, einzupacken und zu beenden. 300 Jahre von meinem Auslandsjahr sind schon Vergangenheit. Sie sind vorbei und niemand kann sie mir wieder zurück geben.  In der Anfangszeit habe ich oft gezweifelt: Ist es DAS was ich möchte? Will ich mich täglich von Kindern auf die Palme bringen lassen? Will ich so lange getrennt von meinen Liebsten sein? Will ich das? Ich kann nicht beantworten ob ich das will oder wollte. Anscheinend habe ich es vor diesem Jahr ja gewollt, sonst säße ich jetzt nicht hier, 6000 km von Familie und Freund(e) getrennt.

Ob ich es noch mal wollen würde? 

Nach 2-6 Monaten hätte ich diese Frage definitiv mit einem klaren und sicheren Nein beantwortet. Nach 6 Monaten hätte ich 2 mal genau darüber nach denken wollen bevor ich mich entschieden hätte. Und jetzt nach 10 Monaten? Jetzt würde ich am liebsten weiter machen. Weiter mit Abenteuer, Reisen, Unabhängig und Selbstständig sein. Natürlich möchte ich zurück nach Hause, etwas fürs Leben machen, was mich weiter bringt- aber nach 10 Monaten habe ich mich hier so eingelebt, dass ich auch die schlechten Tage genieße und schätze. Ich bin seit 10 Monaten mehr oder weniger auf mich alleine eingestellt, oft einsam und allein. Aber ich weiß damit umzugehen und somit ist es kein Problem mehr. Meine Handtasche ist nicht mehr gefüllt mit Lippenstift, Handcreme, tausend Dinge die niemand braucht. Nein Sie ist gefüllt mit Snacks, Wasserflaschen für die Kids, Feuchttücher und Spielzeug. Und es ist in Ordnung weil ich mich daran gewöhnt habe.
Christina
Nicht nur der Inhalt meiner Handtasche hat sich verändert, sondern auch meine Persönlichkeit hat sich verändert. Für mich im Positiven, aber was die Leute sagen die mich schon lange vor der Challenge Auslandsjahr gut gekannt haben? Wir werden sehen. „Ein Auslandsjahr ist wie eine Fahrt mit der Achterbahn.“ „Und dann geht es schnell, man muss einsteigen.“ Ich habe genau 190 Tage gewartet, bevor ich in die Achterbahn gestiegen bin. Ich musste tausende Dokumente beantragen, viel zu teure Gebühren zahlen und zu oft auf wichtige Emails warten, die mir zB verraten haben wann genau mein Flug in die USA ist. Aber niemand hat mich nach diesen 190 Tagen ins Flugzeug getragen und mich fest gebunden und gesagt „Du fliegst jetzt“. Viele haben mit mir zusammen geweint und haben gesagt „Bitte geh nicht“. Ich bin gegangen und habe für mich selber einen unglaublich großen Schritt gemacht. Ich habe meine weinenden Freunde am Flughafen zurück gelassen und bin in dieses Flugzeug gestiegen welches mich an das andere Ende der Welt gebracht hat.  Und dort bin ich auf unzählige Menschen getroffen die genau das Gleiche gemacht haben. Mit denen ich viel geredet habe, mit denen ich lachen und weinen konnte und mit denen ich mich immer gut verstanden habe, auch wenn es immer mal wieder auf und ab ging. Aber wir alle saßen im selben Boot und haben jeden stürmischen Wellengang zusammen gemeistert und uns gegenseitig gestärkt. Wir haben neue Freundschaften gebildet und einiges erlebt.
Neben vielen Freunden habe ich eine neue zweite Familie bekommen. Am Bahnsteig wurde ich mit wortwörtlich offenen Armen begrüßt und im neuen Zuhause mit leuchtenden Kinderaugen empfangen. An meinem ersten Tag bekam ich lange Umarmungen von den Kindern und durfte direkt mit Ihnen spielen und Spaß haben. Natürlich war die Anfangszeit in der Familie schwierig. Man weiß zwar dass man ein neues Familienmitglied sein wird aber man macht sich immer Gedanken sobald man in den Kühlschrank greift oder sich nur ein Glas Wasser nimmt. Es ist nicht sein eigenes Zuhause. Alles ist einem fremd.
An meinem ersten Morgen hat mir meine Gastmutter das Frühstück gemacht so wie sie es für die Kids macht. Am 3 Morgen hat Sie mich mit Ihren Kindern, Ihr ein und alles alleine gelassen. Sie hat mir vertraut und ich musste Verantwortung übernehmen. Von jetzt auf gleich. Die Umgebung war neu, die Kids waren Fremde für mich. Natürlich haben sie anfangs nicht direkt auf mich gehört, aber wieso auch wenn da ein fremdes Mädchen steht, die mit ihrem abgehackten Englisch versucht uns einen vom Pferd zu erzählen. Heute denke ich manchmal dass die Kids mehr auf mich hören als auf Ihre Eltern. Aber dieses „Aber ich will jetzt ein Eis, also bekomme ich auch eins!“ gibt es bei mir nicht. Ich will auch so vieles…Viele deutsche Eltern würde es jetzt „Das heißt wenn überhaupt Ich möchte ein Eis“ heißen. Aber das hört man hier schon einmal gar nicht. Ziemlich super ist es aber natürlich, wenn die Eltern die Regel „Keine Süßigkeiten an Schultagen“ aufstellen. Das böse Au Pair sagt natürlich nein zu Eis und Schokolade, aber wenn die Eltern später gefragt werden: „Aber natüüüürlich mein Schatz“. Genau! Danach fühlt man sich immer besonders gut.
Neulich habe ich den Kleineren von den Jungs gefragt, warum er denn immer weint wenn ich nein zu etwas sage, was er unbedingt haben möchte. Das schlaue Kerlchen antwortet ohne mit den Wimpern zu zucken: „Weil ich bei Mama und Papa dann immer bekomme was ich will.“ Herzlichen Glückwunsch Mama und Papa, dass habt ihr aber super hin bekommen.
Ich fühle mich gerade als hätte ich den roten Faden in meinem Text verloren, aber weil es seit 10 Monaten keinen wirklichen roten Faden in meinem Leben gibt, sei mir das verziehen.
Vorhin habe ich gesagt dass ich viel gelernt habe. Das erste was ich gelernt habe ist definitiv dass die Zeit schneller rennt als ich geglaubt habe. Ok stimmt, Zeit kann nicht rennen- sie vergeht wie im Flug. Erst Gestern habe ich mit am Flughafen von meiner Familie und von meinen Freunden verabschiedet und das letzte belegte Brötchen gegessen. Nein, es ist 300 Tage her. Und es sind nur noch 45 Tage bis ich wieder heulend am Flughafen stehen werde. Heulend vor Freude weil ich wieder meine Liebsten in die Arme schließen kann. Und wieder belegte Brötchen essen kann. Erst eins mit Mett und Zwiebeln, dann eins mit Fleischwurst.
Zurück zu den 45 Tagen. In diesen Tagen werde ich noch so viel erleben, dass ich selber schon ein bisschen Angst habe, weilmich nicht weiß  wie dass alles klappen soll. Ich werde noch 4 verschiedene Städte bereisen und muss dann langsam Anfang Abschied von meiner Familie und meinen Freunden nehmen. Ich muss meine für tausende $ geshoppten Klamotten und Schuhe zusammen packen, Abschiedsgeschenke besorgen und mein Zimmer „Christina-Frei“ machen. Meinen Dreck weg wischen, die hintersten Ecken sauber machen und mich endlich damit abfinden dass jetzt ein neues Mädel in MEIN Zimmer einzieht, in MEINEM Bett schläft, mit MEINEM Handy telefoniert und textet und vor allem auf MEINE Babies aufpassen wird.  Natürlich verlieben sich Kinder schnell neu und können auch schnell vergessen, aber ich hoffe dass Sie sich immer an mich erinnern werden und ab und zu dem neuen AuPair sagen dass Sie das alte-also mich- zurück haben wollen. Ich bin kein Kind mehr, ich verliebe mich nicht schnell neu und vergesse nicht schnell. Außer es hat etwas mit Mathematik zu tun.
Ich werde für immer meine Familie und besonders die Jungs in meinem Herzen behalten, werde immer mit einem Lächeln im Gesicht an meine Mädels und an die Menschen die ich hier kennen gelernt habe denken. Seit meinem Auslandsjahr gehe ich viel positiver mit meinem Leben um weil ich weiß dass es nur ein Leben gibt. Und mein Leben in Amerika ist bald schon zu Ende- und dass vielleicht viel zu schnell. Niemand wird mir beantworten können ob ich hätte bleiben sollen oder ob es richtig war, zu gehen. Eigentlich sagt man ja, dass wenn es am schönsten wird, man aufhören soll. Und ich glaube es ist ein guter Zeitpunkt jetzt bald aufzuhören. Aufzuhören mit dem was mich glücklich und traurig gemacht hat. Aber irgendwann wäre die Fahrt eh vorbei gewesen. Man kann immer noch mal ein zweites mal fahren, aber man muss nicht sitzen bleiben um es zu tun. Man kann auch erst noch mit dem Riesenrad fahren und sich alles erst einmal von oben anschauen und genau drüber nachdenken.
War es das was ich wollte?
Christina

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