LIVE #8: Schick mir doch mal ein schönes Bild vom Schnee

Natalie erzählt von den vier längsten Wochen ihres Lebens. Sie arbeitet als Au Pair in Boston, wo es bis vor kurzem noch bitter kalt war!

Natalie

Mein Name ist Natalie, ich bin 21 Jahre alt und komme aus Stuttgart in Deutschland. Seit nunmehr sieben Monaten wohne ich bei einer Gastfamilie nahe Boston und arbeite als Au Pair für drei, meistens sehr liebenswerte, Kinder.

Die letzten Wochen hier waren aufregend, nervenaufreibend, aber vor allen Dingen sehr lang. Grund dafür war der Winter. Oh nein – nicht irgendein Winter, sondern der kälteste Winter seit 20 Jahren.
Zugegeben, ein großer Freund des Winters war ich noch nie, aber was ich die letzten Wochen hier erlebt habe, übertrifft jedes Frösteln, Bibbern und Frieren, zudem mich ein deutscher Winter je brachte.
Alles begann um „Thanks Giving“, Ende November 2014. Der erste Schneefall – malerisch, romantisch und wunderschön. Dabei die ersten Weihnachtsplätzchen essen, Tee trinken und in eine Wolldecke eingehüllt einen guten Film schauen. Da dachte ich mir noch: „Ach, Winter ist wahrlich eine schöne Jahreszeit“.
Ausgerüstet mit einem warmen Mantel, Mütze, Schal und Handschuhen war ich bestens für den eigentlichen Winterbeginn und die sich langsam ankündigende, kalte Jahreszeit vorbereitet.

Winter 4
Erzählungen über den Winter des vergangenen Jahres habe ich zwar gerne gelauscht, mir aber fest eingeredet, die Kälte des letzten Winters sei eindeutig ein Zeichen dafür, dass dieser Winter besser wird. Falsch gedacht! Eines Sonntagabends Ende Januar erreichte mich also die erste Blizzard- Warnung. Ab diesem Zeitpunkt gab es kein anderes Gesprächsthema mehr und die Menschen schienen sich durch Großeinkäufe von Lebensmitteln auf mehrere Wochen des Notstands vorzubereiten. Während ich mich über die Menschenmengen in Supermarkt und Bibliothek ärgerte, musste ich mir eingestehen, dass ich gar nicht so recht wusste, was Blizzard so genau eigentlich bedeutet. Hagel vielleicht, oder einfach nur sehr viel Schnee, ich hatte das Wort noch nie gehört. Dem Unwissen war schnell Abhilfe geschaffen. Blizzard bedeutet Schneesturm und ich kann mich nicht erinnern, so etwas je erlebt zu haben.
Mit einem leichten Kribbeln im Bauch, schlief ich Montagabends ein, erwartungsvoll und etwas nervös, was mich erwartet.
Der Staat Massachusetts hatte bereits den Notstand ausgerufen, was bedeutete, dass niemand, der nicht unbedingt zur Arbeit muss, weil er oder sie beispielsweise in einem Krankenhaus arbeitet, Auto fahren darf. Schulen und Geschäfte waren demzufolge auch geschlossen. „Juno“ so nannten sie die bevorstehende Katastrophe.
Als ich dann das Ausmaß des immer noch andauernden Sturms sah, beschlich mich die Vorahnung, dass all die Geschichten über die schlimmen Winter in Boston, wahr waren. Rückblickend war dieser erste Tag eigentlich sehr gemütlich. Freunden und Familie wurden natürlich gleich Fotos aus „Winterwonderland“ geschickt. Während ich jede Menge American Cookies aß und mir dabei einen Film nach dem anderen anschaute, hat mir jede mitleidende Nachricht aus „good old Germany“ ein Lächeln ins Gesicht gezaubert. Irgendwie fühlte sich die ganze Situation besonders an.

Winter 1

Der Tag danach war dann nur noch halb so entspannt und wäre es nach mir gegangen, wäre Juno der erste und letzte Schneesturm geblieben. Da die Schulen noch nicht wieder geöffnet hatten, stand mir ein weiterer „Homeday“ bevor. Da saß ich nun mit zwei streitenden Kindern und einem Hund im Haus fest. Bereits morgens um neun hatte ich keine Idee mehr, wie ich die zwei beschäftigen konnte und so beschloss ich einen ersten Gang nach draußen zu wagen. Mehr als die Augen war von den Kindern nicht mehr zu sehen, als wir nach einer halben Stunde Anziehen endlich unseren Weg nach draußen fanden. Das Gefühl war unbeschreiblich, ich sah von meiner Umgebung kaum mehr etwas anderes als Schnee. Es fühlte sich schön und beängstigend zugleich an. Ich dachte die ganze Zeit daran, dass es ewig dauern würde bis ein Krankenwagen hier ist, sollte mit den Kindern etwas passieren.Winter 2

Was nun aber in den folgenden Wochen auf uns zukam, hatte mit einem Winterwonderland nichts mehr zu tun. Es war ein Albtraum! Jede Woche ein Schneesturm, einer schlimmer als der andere. Bis zu -24 Grad (gefühlte 31!), stillgelegte Züge, keine Parkplätze, nicht anspringende Autos, ein Homeday nach dem anderen und in meinem Fall sogar eine über Wochen eingefrorene Toilette. Wenn ich vor dem Winter den Anspruch hatte, mit den Kindern zu spielen, anstatt sie vor den Fernseher zu setzten, dann habe ich diesen definitiv verloren. Inzwischen habe ich nicht nur viel Erfahrung in Malen, Lesen, Basteln, Spielen, Kochen und Backen, ich wurde auch zur Expertin in Disneyfilmen.
Das besondere Gefühl, welches ich zu Beginn noch hatte, war gewichen und hatte sich in Frustration, Ärger und schlechte Laune verwandelt. „Schick doch nochmal ein Bild vom Schnee, Natalie“, „Du lebst ja im Winterwonderland“- wenigstens die Faszination der anderen über meine Situation war mir belieben.
Ich hatte meine ganze Hoffnung in den 1. März gesetzt und Großes erwartet, doch so ganz traf dies dann leider nicht ein. Wir kämpfen zwar immer noch mit Minusgraden und Schneebergen, aber immerhin hat es seit über einer Woche nicht gescheit. Und eine Hoffnung habe ich noch: wenn der Frühling nur halb so intensiv wird wie der Winter, sind die Aussichten gar nicht so übel.
Wer also ein Au Pair in Boston sein möchte, braucht nicht nur eine warme Jacke, sondern auch ein dickes Fell.

Natalie Capalija

Winter 5

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