Reisen nach dem Zufallsprinzip

Ich persönlich, muss leider zugeben, dass ich ein wahrer Planungsfanatiker bin, wenn es um Kurztrips in die Stadt xy geht. So weiß ich schon im voraus an welchem Tag, um welche Uhrzeit, bei welcher Windgeschwindigkeit und Temperatur, was wo gesehen oder gegessen wird. Nichts wird dem Zufall überlassen. Damit einher geht die Vorbereitung. Ich lese viel, wäge ab was man in den drei Tagen gesehen haben muss, plane plane plane. Da man aber schon etliche Bilder gesehen und Bewertungen gelesen hat, verliert das ganze deutlich an Charme. Wieso? Weil man quasi schon dort war, ohne dort gewesen zu sein. Man baut unrealistische Erwartungen auf, die gar nicht erfüllbar sind.

Vor dem Verfassen des Beitrags mach ich mir also Gedanken, wie man vom Rumgeplane Abstand nehmen kann und stoße auf einen Bericht im „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Ein Reporter schreibt acht Städte auf, die er schon immer mal sehen wollte. Er lässt jeweils zwei Städte gegeneinander antreten, wirft eine Münze, bis eine Stadt als Sieger übrig bleibt. Zagreb, die Hauptstadt Kroatiens, kommt dabei raus. Last-Minute-Flug gebucht und ab dafür. Er zwingt sich absichtlich vorher NICHTS über Zagreb zu lesen. Dadurch bleibt er vollkommen unbelastet. Der Zufall führt ihn jetzt durch seine gesamte Reise. Was jetzt kommt, mag zunächst etwas creepy klingen, denkt man aber etwas darüber nach, merkt man, dass das ganze echt ne witzige Sache ist. Der Reporter folgt den gesamten Trip lang, immer wieder wildfremden Menschen. Mit genug Abstand versteht sich, sodass sich am Ende niemand bedroht fühlt. Warum? Weil er so dahin kommt, wo die „Locals“ in ihrem ganz normalen Alltag hingehen. Davon abgesehen, wird mangels Planungswahnsinn alles zur Überraschung. Einen großen Fischmarkt mit lokalen Spezialitäten, ein Museum für gescheiterte Liebesgeschichten und jede Menge Cafés und Restaurants entdeckt er auf diese Weise. Ein Griff ins Klo war natürlich auch dabei: Ewig weit geht er jemandem hinterher, der dann seinen Schlüssel rausholt und hinter einer Haustür verschwindet.

Jetzt fragt man sich: Und wie genau sollen das normale Leute machen? Einfach los und Leute auf der Straße verfolgen? Eher nicht. Das Beispiel ist zugegeben etwas extrem, aber es verkörpert eine Idee, die ich sehr vielversprechend finde. Die Dinge auf sich zukommen lassen und etwas Entschleunigung ins Reisen bringen. Diese Möglichkeit hat man allerdings fast immer. Sogar bei kurzen Städtetripps, wo man von einer Sehenswürdigkeit zur anderen hechtet, hat man immer die Möglichkeit, sich zumindest eine halbe Stunde lang treiben zu lassen und die Seele der Stadt zu spüren. Ein kleines ruhiges Café, ein großer Platz auf dem Straßenkünstler Touris begeistern, eine Bank an einem Fluss. Die Möglichkeiten sind vielfältig (je nach Geschmack muss man natürlich nicht unbedingt den absoluten Touristenhotspot wählen).

Falls du nach ein wenig Inspiration suchst, wie du deine Reisen interessanter und lebendiger gestalten kannst, ist der „Lonely Planet Guide to Experimental Travel“ genau das richtige für dich. Das Buch wird leider nicht mehr gedruckt, allerdings gibt es gebrauchte Exemplare für kleines Geld bei Amazon.

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