Mein Au Pair Jahr

von Julia

Mein Au Pair Jahr

Abschied nehmen ist wohl eine der schwersten Aufgaben im Leben. Doch im Grunde ist Abschied auch ein Start für etwas Neues. Ich erinnere mich noch genau, als ich letztes Jahr in den Zug einstieg und meinen Eltern "Tschüss" sagte, um ein Jahr in Amerika zu verbringen. Es viel mir nicht unglaublich schwer, da ich wusste, ich würde sie bald wieder sehen. Ein Jahr, zwölf Monate, dreihundertfünfundsechzig Tage hört sich lange an. Zweiundfünfzig Wochen würde ich meine Familie nicht persönlich sehen, nicht in meinem Bett schlafen, nicht mit meinem Auto zur Arbeit fahren, nicht mit den gewohnten Freunden Zeit verbringen und nicht wie sonst überall meine Muttersprache sprechen. Als ich in New York nach neun Stunden Flug ankam, fühlte ich mich wie im Urlaub. Es war sommerlich warm, auch wenn es bereits elf Uhr abends war, ich war müde von der langen Reise, hatte meinen Koffer bei mir und ganz ehrlich, wem vermittelt ein unbekannter Flughafen in einem unbekanntem Land kein Urlaubsfeeling. In den ersten drei Tage ließ ich alle nötigen Informationen über meine zukünftigen Aufgaben auf mich nieder prasseln und versuchte so viel wie möglich zu speichern, gleichzeitig gegen den Jetlag anzukämpfen und neue Kontakte mit gleich Gesinnten zu knüpfen. Ich war fasziniert von New York City, den Hochhäusern, vollen Straßen, dem Lärm der vielen Menschen, Autos und hupenden Taxis und der Atmosphäre, die die Metropole ausstrahlte. Ein Jahr würde ich hier verbringen dürfen, die Menschen kennen lernen, die Straßen erkunden und New York City zu meiner zweiten Heimat machen. Für ein Au-pair ist wohl der letzte Tag der "Orientation Days" der spannendste. Man wacht früh morgens auf und das erste was einem in den Sinn kommt ist: " heute ist es soweit, heute sehe ich sie, heute darf ich in meinen neues Zuhause einziehen!". Der Vormittag dauerte einen gefühlte Ewigkeit. Wir bekamen die letzten Tips und verabschiedeten uns schon mal sicherheitshalber von unseren gewonnenen Freuden. Und dann hieß es warten - warten - warten. Wisst ihr eigentlich wie lang eine einzige Stunde sein kann? Wie viele Gedanken einem in einer Stunde wieder und wieder durch den Kopf gehen können? Die ersten fünf Minuten, wenn man einen Menschen kennenlernt, entscheiden über so vieles, sagt man, was mich nicht gerade Beruhigte. Wie soll ich sie begrüßen? Was sag ich auf der nach Hause Fahrt? Wie reagieren die Kinder auf mich? Hab ich alles eingepackt? Ich hoffe sie mögen mich! Werde ich ins Rematch gehen? Erkenne ich meine Hostfamily überhaupt? Und dann war es soweit, wir gingen in die Lobby des Hotels, wo unsere Familien uns abholen würden. Immer wieder öffnete sich die Türe, ein Mädchen sprang mit einem Grinsen über das ganze Gesicht aus ihrem Sessel, nahm ihr Hab und Gut und lief geradewegs auf ihre Gastfamilie zu. Und noch eine Person kam geradewegs auf uns zu und wieder stand ein Mädchen auf und begrüßte ihre neue Familie. Dann kam ein Mann ende dreißig durch die Türe blonde Haare, blaues Hemd, beige Hose. Doch keins der Mädchen sprang auf und machte sich auf dem Weg in ihre Zukunft. Mein Herz raste, mein Kopf war einerseits leer und andererseits voll mit all den Fragen der letzten Stunden und ich wusste ich sollte aufspringen, meine Sachen packen und mit dem blonden Mann in mein neues zu Hause fahren. Dann lächelte er und ich war mir sicher ich würden ein wunderschönes Jahr haben, mit vielen Erfahrungen, neuen Menschen, einer zweiten Familie in New York und ein Jahr, an das ich mich auch noch erinnern würde wenn ich alt, grau und faltig bin. Also stand ich auf und ging auf den blonden Mann zu, umarmte ihn und verließ, natürlich mit meinem Koffer, das Hotel. Mark, mein Hostdad, fuhr mit mir in einen Vorort von New York City und nachdem wir in einem Park alle organisatorischen Dinge abgesprochen hatten, erreichten wir ein großes beiges Haus mit Vorgarten und kleiner Auffahrt. Jim, mein zweiter Hostdad, öffnete die Türe und auch er umarmte mich ohne zu zögern. Ja richtig gelesen, zwei Hostdads, wohl die beste Kombination für mich, wie sich herausstellte. Mark brachte meinen Koffer in mein Zimmer und dann lernte ich die zwei Menschen kennen, mit denen ich wohl die meiste Zeit in diesem Jahr verbringen durfte, mit denen ich so viel Spaß hatte, denen ich beim lernen zugesehen konnte und die mir am Ende meines Jahres wohl die meisten Tränen in die Augen trieben. Madeline und Oliver, zwei einjährige Kinder, ein Mädchen mit kurzen dünnen braunen Haaren und ein Junge mit kurzen leuchtend roten Haaren, waren erst etwas skeptisch und hielten sich immer sicherheitshalber in der Nähe ihres vorherigen Aupairs auf. Kaum verließ sie den Raum fingen beide, vor allem aber Oliver, an zu weinen. Ich dachte mir, dass das eine harte erste Woche werden wird und die beiden wohl noch etwas Zeit bräuchten, bis sie mich als ihr neues Familienmitglied ansehen würden. Aber ich wurde schnell vom Gegenteil überzeugt. Maddie und Ollie gewöhnten sich rasch an meine Gegenwart, forderten mich bald zum Spielen auf, wollten von mir hochgenommen werden oder verfolgten mich, sobald ich in einen anderen Raum des Hauses ging. Die Zeit verging wie im Flug, ich baute eine enge Beziehung zu Maddie und Ollie auf, wir verbrachten unsere Zeit auf Spielplätzen, in Parks, gingen Spazieren, spielten und lasen zu Hause. Als es langsam Winter wurde, gestaltete sich das ganze etwas schwieriger. Madeline und Oliver gingen mittlerweile zwar dreimal die Woche in eine Kindergartengruppe aber die Montage und Dienstage zogen sich immer mehr, da es zu kalt war um sich lange draußen aufzuhalten, die beiden nicht mehr so lange schliefen und natürlich auch mehr Abwechslung forderten, sie waren ja jetzt "schon" eineinhalb Jahre. Ich organisierte "Playdates" und versuchte sie für neue Dinge wie malen, backen oder Musik zu begeistern. Im November trat ich dann meinen ersten College Kurs an. Alles drehte sich um amerikanische Geschichte und "Amish People". Um den Kurs nach einigen Wochen abzuschließen fuhren wir nach Philadelphia, schauten uns die Stadt mit ihrer wichtigen Rolle in der Geschichte Amerikas an und besuchten eine Familie der "Amish". Mein nächster Trip ging nach Washington DC. Im Dezember verbrachte ich dort ein Wochenende, um die Hauptstadt der USA kennen zu lernen. Im Januar begann es dann endlich zu schneien und die Temperaturen waren nicht mehr ganz so kalt. Meine Hostkids lernten Schnee kennen, sie nahmen ihn zum erstem Mal wahr und traten ihn mit ziemlich großen Respekt gegenüber, Oliver traute sich erst nach einem Monat im Schnee alleine zu laufen, merkten die Kälte die er ausstrahlte und ließen ihn in ihren Händen schmelzen. Ich war fasziniert von der Menge Schnee die es schneite. Es lag rund ein Meter Schnee, was ich aus meiner Heimat in Deutschland nicht kannte, da waren zwanzig Zentimeter schon nennenswert. Nach einem langen ausgiebigen Winter mit Schneestürmen und minus 20 Grad Celsius, freute ich mich riesig auf meinen Urlaub in Puerto Rico. Schon die Tatsache mal über null Grad zu haben war sehr anziehend. Kaum war ich gelandet konnte ich die Karibik Atmosphäre spüren. Es war zwar mitten in der Nacht aber dennoch angenehme 26 Grad, Palmen wo immer man hin sah und das unbefangne südländische Flair. Eine Woche mit Sonne, Strand, Meer, einen wahnsinnigen Sonnenbrand, Regenwald und vielen Sehenswürdigkeiten später trat ich wieder meine Heimreise nach New York an. Jedes Mal, wenn ich in New York City ankam, freute ich mich wieder dort zu sein,ich war zu Hause, ich kannte mich wieder aus und hatte eine Familie hier. Kaum war ich von Puerto Rico zurück, stiegen auch die Temperaturen in New York und es kam Frühlingsstimmung auf. Wir konnten wieder unsere Zeit auf Spielplätzen verbringen, Spaziergänge machen und im Garten spielen. Auch in meiner Freizeit verbrachte ich nun wieder lieber Zeit draußen. Mittlerweile kannte ich mich in New York aus, hatte so gut wie alle Sehenswürdigkeiten besucht und mich an die Hektik der Newyorker gewöhnt. Man sagt, ein Auslandsjahr teilt sich in vier Abschnitte auf, die ersten drei Monate kommt es einen vor wie im Urlaub,man erkundet die neue Umgebung, lernt seine Familie und neue Freunde kennen. Der vierte, fünfte und sechste Monat ist bei vielen Aupairs von Heimweh geplagt. Es wird einem Bewusst, dass man doch ein ganzes Stück von zu Hause entfernt ist und ganz ehrlich Skypen ist toll, ich bedanke mich bei dem Entwickler, aber es ist nicht das gleiche, wie wenn man persönlich mit einem Menschen reden kann, sich im gleichen Raum aufhält und die Person spüren kann. Für mich waren diese drei Monate nicht all zu schlimm, ich habe meine Familie und Freunde sicher vermisst, aber von Heimweh würde ich nicht sprechen. Ich wusste, dass ich jeder Zeit meine Sachen packen könnte und in einen Flugzeug nach Hause fliegen könnte, meine Mum würde merken, wenn es mir nicht gut gehen würde und alles in Bewegung setzten, um mich geradewegs nach Hause zu bringen. Aber ich hatte das Glück eine wunderbare Hostfamilie gefunden zu haben, sie halfen mir bei allen Problemen, ich konnte mit ihnen über alles reden, auch wenn ich keine Hostmum sondern "nur" zwei super Hostdads hatte war es nie ein Problem für mich persönliche Probleme anzusprechen. Im dritten Abschnitt, so heißt es, fängt man an sich richtig zu Hause zu fühlen, die neue Stadt zu seiner Stadt zu machen, vermehrt andere Orte zu besuchen und sein Auslandsjahr in vollen Zügen zu genießen. Diese Zeit war auch für mich die schönste. Ich wusste, dass ich hier zu Hause war und dieses Gefühl ist unbezahlbar. Und dann - dann kamen die letzten drei Monate Die Phase, in der man sich entscheiden muss ob man noch ein Jahr in der Gastfamilie bleibt, sich eine neue in den USA sucht oder nach Hause fliegt. Ich entschied mich nach langem, sehr langem hin und her, etlichen Gesprächen mit Mark und Jim und meiner Mum dafür, nach Hause zu fliegen. Zu erst war es nicht schwer sich vorzustellen in drei Monaten, plus den einmonatigem Reisemonat, wieder nach Hause zu fliegen, alles war noch wie immer. Ich arbeitete im gleichen Rhythmus und verbrachte Zeit mit meinen Freunden und meiner Hostfamily. Auch als die Wahl für das neue Aupair, meiner Nachfolgerin fiel, änderte sich nichts an meiner Stimmung. Immer näher kam der Tag der Ankunft des neuen Aupairs, immer Näher kam damit mein Abschied in den Reisemonat und immer komischer wurde mein Gefühl. Als ich wusste, dass die "Neue" sich gerade auf dem Weg nach New York machte und in ein paar Stunden, wie ich damals vor einem knappen Jahr, am Flughafen in New York City ankommen würde, brach meine erwartete Panik aus. Ich hatte nur noch drei Tage alleine mit Maddie, Ollie, Mark und Jim, schlief nicht mehr in meinem gewohnten Zimmer, sondern war bereits ins Gästezimmer gezogen, musste alle meine Sachen wieder in meinen Koffer packen, um schon bald meinen Platz in dieser Familie einer anderen Frau zu überlassen. Zusammen mit Mark fuhr ich an einem Donnerstag genau zu dem Hotel in dessen Lobby ich damals saß und nervös und voller Erwartungen auf meine neue Familie wartete. Und jetzt war ich nicht die Person die wartete, ich war die Person die erwartet wurde. Ganz genau erinnerte ich mich an die Eingangshalle, die Sessel auf denen wir saßen und warteten, ich wusste wie ich zu den Seminarräumen käme, in denen uns so viele Informationen mitgeteilt wurden und wir gegen den Jetlag kämpften. Die Türe ging auf, Mark und ich gingen in die Lobby und ein Mädchen sprang auf. Ich kannte sie bereits vom Skypen, von Emails und Bildern und dennoch war es ein komisches, fast schon unangenehmes Gefühl zu wissen, dass ihre Zeit nun gekommen war und meine ein Ende nahm. Zu Hause angekommen zog das neue Aupair in mein Zimmer ein und lernte Jim, Maddie und Ollie kennen. Wie damals bei mir waren sie eher skeptisch, verfolgten mich wie damals meine Vorgängerin und vor allem Madeline hatte eine schwer Zeit sich an das neue Aupair zu gewöhnen. Sie waren jetzt ein Jahr älter und ich bin mir sicher sie wussten, dass etwas nicht stimmte. Warum war es nun Annas Zimmer und nicht mehr Julias? Warum war Anna auch am nächsten Morgen noch da und ging überall mit uns hin? Und warum verbrachte Julia langsam nicht mehr so viel Zeit mit uns? Vier Tage verbrachten wir zusammen. Ich versuchte Anna soviel wie möglich zu zeigen, ihr die Möglichkeit zu geben Maddie und Ollie und auch ihre neues zu Hause kennen zu lernen. Der Tag bevor ich meinen Reisemonat antrat war wohl der schlimmste für mich. Anna sollte übernehmen und ich widmete mich dem Kofferpacken und stand ihr bei Fragen Rede und Antwort. Ich dachte über so einiges nach, über mein Jahr hier in New York, ob das was ich in Deutschland vorhatte funktionieren würde, wie es sein wird wieder in meinem alten Zimmer zu stehen und ganz besonders darüber, nicht mehr Madeline und Oliver, Mark und Jim um mich zu haben. Ich bin kein Mensch der gerne Gefühle zeigt aber an diesem Tag könnte ich nicht anders als weinen. Ich war selbst von mir überrascht, dass es mir schwerer viel diese Familie zu verlassen als meine eigene ein Jahr zuvor. Und da steh ich nun. Mit gepacktem Koffer, gebuchten Hostels und Flügen, bereit meine Reisemonat anzutreten und Anna das "Regiment" zu überlassen. Das Taxi zum Flughafen steht bereits in unserer Auffahrt und wartet auf mich. Ich umarme Mark, Jim, Anna und verabschiede mich von Madeline und Oliver, denen nicht wirklich bewusst ist, dass sie mich für eine lange Zeit nicht wieder sehen werden. Es ist kein Abschied nehmen im wörtlichen Sinne, da ich nach meiner Abreise durch Amerika noch einmal eine Woche dort verbringen werde, aber es war auch kein "bis später". Ich nehme meine Koffer und mache mich auf den Weg zum Taxi. Der Reisemonat wird mir sicher sehr viel Spaß machen und ich freu mich darauf all die Städte und neuen Orte in Amerika zu sehen, aber dennoch bin ich in Gedanken wohl oft bei meiner Familie in New York. Bevor ich nach Amerika kam sagten viele, dass der Reisemonat wohl das beste am ganzen Jahr sein wird, ich allerdings finde das im Nachhinein nicht. Das beste an meinem Jahr in Amerika war meine neue Familie. Die Zeit die ich mit ihnen verbringen durfte, gemeinsames Lachen und feiern, Oliver und Madeline beim lernen und entwicklen zuzusehen, sie zu trösten und zum Lachen zu bringen. Das alles war mein Highlight des Aupair - seins.