Unsere Stipendiatin Viola berichtet

von Viola H.

Unsere Stipendiatin Viola berichtet

Mein Auslandsjahr, das ich bei amerikanischen Gasteltern in Ohio verbringe, ist schon fast vorbei. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es real ist!

Nach einer langen Winterpause hatte ich im Februar endlich wieder angefangen, Sport zu machen. Im Frühling gibt es an meiner High School vor allem Track & Field, Baseball (für Jungs) und Softball(für Mädchen). Ich habe mich nach kurzer Überlegung dafür entschieden, an Track & Field teilzunehmen. Eigentlich ging es mir einfach darum, überhaupt etwas zu unternehmen, und Leichtathletik kam mir machbarer vor, als Softball. Außerdem sind die meisten meiner Freunde Teil des Track Teams. Wir fingen im Februar an mit Konditionstraining. Unsere Schule hat ihren eigenen Trainingsraum, wo wir Krafttraining machen konnten, und gerannt sind wir in den Schulgängen, was mehr Spaß macht als man denkt. Nach einer Weile wurden wir je nach Disziplin in Gruppen eingeteilt. Meine Disziplin war Langstrecke, das heißt ich bin meist 800, 1600 und 3200 Meter gerannt. Für die 800m hatten wir auch ein Staffelteam, und es war wirklich cool, nicht nur für einen selbst, sondern mit Freunden zu rennen. Anfang März ging es dann auch nach draußen zum Trainieren. Vor den Wettkämpfen, in denen wir gegen andere Schulen angetreten sind, war ich immer sehr aufgeregt, aber glücklicherweise war ich nicht die einzige. Ansonsten waren die Meets echt nett, weil man Zeit mit seinen Freunden verbringen kann, wenn man gerade kein Event hat, und sogar neue Leute treffen kann. Bei einigen unserer Wettkämpfe habe ich andere deutsche Austauschschüler getroffen, die ich schon seit der Orientation in NYC am Anfang des Jahres kannte! Wir haben uns richtig gefreut, und obwohl wir ja Zuhause alle die gleiche Sprache sprechen, haben wir hier nur English miteinander gesprochen. Leider musste ich nach ungefähr zwei Monaten das Training abbrechen, da ich in beiden Beinen Stressfrakturen entwickelt habe. Meine Gastmutter hat einen Sportmediziner gefunden, der die im High School Programm enthaltene Krankenversicherung annimmt, und dieser hat dann herausgefunden, dass meine Beine der Belastung vom täglichen Training nicht standhalten konnten. Von da an hatte ich dann wieder nicht mehr so viel zu tun, aber es kamen noch ein paar größere Events auf mich zu, von daher war es nicht zu schlimm.

Eine meiner besten Erfahrungen kam im April: Mein Gastvater, Ray, gehört zu den „Catholic War Veterans“, einer Kirchengruppe, die aus ehemaligem Militärpersonal besteht. Er selbst war früher in der Navy, und hat als Krankenpfleger in verschiedenen Militärkrankenhäusern gearbeitet. Diese Gruppe hatte einen Trip nach Washington D.C. geplant, und mein Gastvater bot mir an, mich mitzunehmen. Außerdem haben wir noch eine gute Freundin von mir, namens Emma, mitgenommen. Die Reisegruppe bestand aus etwa 40 Leuten, davon größtenteils ältere Ehepaare. Emma und ich waren mit weitem Abstand die Jüngsten, aber das hat nichts daran geändert, wie nett uns alle behandelt haben. Innerhalb eines Wochenendes haben wir viele bekannte und historisch wichtige Orte besucht. Am Freitag sahen wir Arlington National Cemetery, wo sich über 400.000 Gräber von Soldaten und deren Familien befinden. Wir kamen rechtzeitig, um den Wachpostenwechsel am „Tomb of the Unknown Soldier“ zu beobachten, und besuchten die Gräber von John F. Kennedy und John Glenn, der aus Ohio stammt. Neben dem Friedhof gibt es ein Denkmal für die Marines, die im „Battle of Iwo Jima“ gestorben sind. Die riesige, unglaublich detaillierte Statue stellt sechs Soldarten dar, die die amerikanische Flagge aufstellen. Am nächsten Tag hatten wir eine Führung im US Capitol, aßen Lunch in einem Garten neben den Archiven, besuchten verschiedene Denkmäler. Vom Lincoln Denkmal aus kann man in einer Linie den Reflection Pool, das Washington Monument, und das Capitol sehen! Außerdem gibt es Denkmäler für den Vietnam Krieg und den Korea Krieg. Dieser Teil des Trips war mein persönliches Highlight, was ziemlich ironisch ist, da es natürlich sehr traurig und emotional war. Fast jeder in unserer Gruppe hatte Freunde, deren Namen auf der Wand des Vietnam Denkmals standen. Zum Abschluss des Tages fuhren wir noch zum Pentagon, wo es ein Denkmal für die Leute, die dort Opfer des Anschlags am 11. September 2001 geworden sind, gibt. Sonntagmorgen ging es dann zum Gottesdienst in einer großen Kathedrale, und es war interessant für mich, daran teilzunehmen, obwohl ich nicht katholisch bin. Auf dem Rückweg hielten wir in Shanksville, Pennsylvania, wo es ein weiteres 9/11 Denkmal gibt. Insgesamt war es eine unglaublich coole Reise, auf der ich viel gelernt und eine Menge neue Leute getroffen habe, und ich kann meinen Gasteltern gar nicht genug für diese Möglichkeit danken!!!

In der darauf folgenden Woche hatten wir Prom von unserer Schule, was eine weitere Lieblingserfahrung von mir ist!! Meine Freundin Camille (eine Austauschschülerin aus Frankreich) kam bereits vormittags zu mir, und wir haben uns zusammen fertig gemacht. Nachmittags ging es dann zum Partycenter, natürlich nicht ohne vorher ein paar Fotos zu machen. Vor Ort trafen wir unsere anderen Freunde, und bald ging es auch schon los. Als erstes hatten wir ein gemeinsames Dinner, dann wurden auch schon Prom King & Queen (und Prince & Princess) verkündigt. Unsere Stimmen dafür gaben wir direkt beim Reinkommen ab, das heißt es hing wirklich von der allgemeinen Beliebtheit der Leute ab. Zur Überraschung von so ziemlich allen Anwesenden gewann nicht unser übliches Traumpaar (Star-Quarterback & Top Cheerleaderin), sondern zwei Leute, die eigentlich nicht mal zusammen da waren. Danach ging es dann endlich ans Tanzen! Wir begannen mit einigen Tänzen, die jeder mitmachen konnte (also im Prinzip Line Dancing), später spielte der DJ eine gute Mischung aus Hip Hop, Rap, Country, den neuesten Chart songs, und langsamen Liedern. Wir tanzten so gut wie die ganze Zeit, und es hat echt Spaß gemacht, Zeit mit Freunden zu verbringen, und sogar Leute besser kennenzulernen, mit denen man eigentlich nie wirklich viel zu tun hat. Die einzige Zeit, wenn wir nicht auf der Tanzfläche waren, haben wir in einem Photobooth verbracht, wo wir kostenlos lustige Gruppenfotos machen lassen konnten. Viel zu schnell kam der letzte Tanz, und dann war einer der aufregendsten Tage auch schon vorbei. Die meisten Leute gingen danach noch auf Parties oder zum Bowlen, etc. Camille verbrachte die Nacht bei mir Zuhause, und am nächsten Morgen standen wir nach viel zu kurzem Schlaf früh wieder auf, da wir mit einer Gruppe von Freunden in einen Freizeitpark namens „Cedar Point“ fahren wollten. Die Fahrt dauerte etwa zwei Stunden, und für mich war es eine absolute Ausnahme, da meine Gasteltern mich sonst eigentlich überhaupt nicht mit Freunden im Auto mitfahren lassen… Wir fuhren den ganzen Tag lang die verrücktesten Achterbahnen, denn dafür ist der Park bekannt. Auf dem Rückweg haben wir dann noch zusammen bei Steak’n’Shake gegessen, wo es unglaublich gute Burger und Milchshakes gibt. Es war ein supergutes Wochenende, das ich ganz sicher nicht so schnell vergessen werde!!

Jetzt geht so langsam alles auf’s Ende zu, und in der Schule finden alle möglichen Veranstaltungen für uns Seniors statt:

Die besten 20 Schüler wurden zu einem Honors Dinner eingeladen, bei dem wir Auszeichnungen bekamen, und außerdem unsere Lehrer ehrten. Da ich einen 4.0 Durchschnitt habe (was der bestmögliche Durchschnitt ist), durfte ich daran teilnehmen. Unsere Schulcafeteria war voll besetzt mit den Familien aller 20 Schüler und vielen Lehrern aus Grund- und Oberschule. Zuerst wurden wir Schüler geehrt, indem wir je ein Zertifikat und eine Art Kordel, die einem um den Hals gelegt wird, erhalten haben. Unser Counselor begann mit den Cum Laude Schülern, und arbeite sich zu Summa Cum Laude vor. Es war ein richtig gutes Gefühl, für seine Bemühungen belohnt zu werden. Danach waren wir an der Reihe: Jeder Schüler hatte sich einen Lehrer ausgesucht, den er oder sie ehren wollte, um sich für deren Unterstützung zu bedanken. Für mich war es meine Anatomy-Lehrerin Mrs. Nyland, die mir immer sehr geholfen hat, auch wenn es nicht unbedingt um Schuke ging. Sie ist einer der nettesten Menschen, die ich hier getroffen habe, und ich bin froh, dass ich die Chance hatte, ihr das zu sagen. In meiner Rede erzählte ich viel Persönliches, und wie sie mir direkt mit Problemen wie Heimweh geholfen hat. Sie war sehr gerührt, und selbst von den anderen Schülern und Lehrern hatten einige Tränen in den Augen und sagten mir später, wie emotional es war. Das fand ich erleichternd, da ich vorher sehr aufgeregt war, vor so vielen Menschen zu sprechen. Insgesamt war es ein erfolgreicher Abend, und es war eine große Ehre, dabei gewesen zu sein. Lustigerweise waren von den sieben besten Schülern schon zwei Austauschschüler! Meine Freundin Jasmin aus den Niederlanden hat denselben Durchschnitt wie ich, und dadurch waren wir nicht nur zum Dinner eingeladen, sondern bekamen auch bei einer offiziellen Award Ceremony unsere Auszeichnungen nochmal vor der ganzen Schule überreicht. Außerdem werden wir für immer im Schulgebäude bleiben, da Bilder der besten Schüler aus jedem Jahrgang in den Schulgängen aufgehängt werden. Neben dem Dinner und den Awards gibt es auch mehr Events, an denen die ganze Klasse teilnimmt, wie zum Beispiel ein Senior breakfast, ein Gruppenfoto, das ebenfalls an die Wand kommt, unsere Probe für Graduation, und ein Senior picnic auf unserem Football field. Ich finde es wirklich toll, dass ich an all diesen Sachen teilnehmen darf!

Am letzten Mai-Wochenende war ich mit einigen anderen Austauschschülern von meiner Schule unterwegs. Eine unserer Lehrerinnen bot uns an, einen Tagesausflug nach Amish Country zu machen. Etwas südwestlich von der Region, in der wir leben, gibt es eines der größten Gebiete, in denen “Amish people” leben. Diese Leute sind streng religiös und leben ohne Elektrizität oder moderner Technologie, also im Prinzip so, wie Leute früher gelebt haben. Statt Autos werden meist Pferdekutschen, sogenannte Buggys, genutzt, und auch Zuhause passiert alles noch von Hand. Wir besuchten eine Farm, auf der wir rumgeführt wurden und uns angucken konnten, wie die Leute wirklich wohnen, später durften wir in einer der Kutschen mitfahren, und außerdem gab es eine kleine Bäckerei direkt im Haus, wo wir Cookies und Pies kaufen konnten. Amish people sind nämlich bekannt für ihre Kochkünste, da alles frisch und selbstgemacht ist. Ich kann bestätigen, dass es sich echt lohnt, mal eine Tagesausflug dorthin zu machen! Danach fuhren wir zu einem Käsehaus (das hieß Heini’s – Hier gibt es unglaublich viele Familien mit deutschem Hintergrund) und testeten Käse, bis uns fast schlecht wurde. Später ging es dann noch in ein kleines Dorf namens Sugar Creek, das auch „Little Switzerland of Ohio“ genannt wird. Es war ziemlich cool, auf einmal in einer ganz anderen Umgebung zu sein, obwohl wir ja trotzdem noch in Amerika waren. Dort gab es auch die größte Kuckucksuhr der Welt, die öffentlich zur Schau gestellt wird. Als letztes gingen wir noch zu Lehmann’s, einem Geschäft, wo es so ziemlich alles gibt, was man in Haus und Garten gebrauchen kann, teilweise modern, teilweise traditionell. Es gab eine Menge Sachen, die man bestimmt nirgendwo anders finden kann.

Ein großer Feiertag in Amerika ist Memorial Day. Es war am 29. Mai, und wir gingen zur lokalen Parade, wo meine Gasteltern auch einen Wagen vom Garten Club hatten. Es war sehr interessant zu sehen, wie die Leute hier ihren gefallenen Soldaten gedenken.

Ich könnte noch stundenlang weiter schreiben, aber ich hoffe, es ist okay, wenn ich es erstmal hierbei belasse. Für die letzten Tage in der Schule habe ich ein paar Geschenke für meine Lehrer vorbereitet, und jetzt muss ich mich mental auf eine große Veränderung einstellen.